Ein starkes Zeichen für unsichtbare Beeinträchtigungen: Die „Hidden Disabilities Sunflower“ in Langenfeld
Mai252026Michael Töller im Interview mit L'felder
Michael Töller im Interview mit L’felder Ursprünglich erschienen am 25. Mai 2026 · Aktualisiert am 20. Juli 2026
Nachtrag der Redaktion (20. Juli 2026): Am 20. Juli hat der Ausschuss für Soziales und Ordnung einen offiziellen Beitritt der Stadt Langenfeld zur Sunflower-Initiative abgelehnt; allein die Grünen sprachen sich dafür aus. Wir haben Michael Töller gefragt, wie es nun weitergeht. Seine Antwort haben wir dem Interview am Ende hinzugefügt.
L’felder: Michael, das Thema Inklusion und Barrierefreiheit begleitet dich schon sehr lange. Wie kam es dazu, dass du dich nun offiziell der „Hidden Disabilities Sunflower“ verschrieben hast?
Michael Töller: Für mich ist das Thema keine reine Theorie, sondern gelebter Alltag. Sowohl im privaten Umfeld als auch in der Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern erlebe ich täglich, vor welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderungen stehen. Echte Teilhabe ist mir eine Herzensangelegenheit. Letztes Jahr habe ich intensive Gespräche mit dem Gründer der Initiative in Großbritannien, Paul White, geführt. Das Konzept hat mich sofort begeistert, weil es so simpel wie genial ist. Als die Frage aufkam, wer das Projekt in Deutschland strategisch leiten soll, musste ich nicht lange überlegen. Ich bin stolz darauf, als Direktor Deutschland die Sunflower in die Welt – und vor allem in unsere Region – zu tragen.
L’felder: Du bist ja weit über die Stadtgrenzen hinaus als Berater im Bereich Barrierefreiheit aktiv, besonders in der Freizeit- und Erlebnisbranche. Hilft dir diese Erfahrung bei der neuen Aufgabe?
Michael Töller: Absolut. Barrierefreiheit kennt keine Grenzen – außer denen in unseren Köpfen. Ich berate seit Jahren deutschlandweit Unternehmen und Freizeitparks dabei, wie sie Inklusion und Zugänglichkeit strategisch umsetzen können. Mittlerweile mache ich auch die ersten Schritte im europäischen Ausland, um mir dort die Barrierefreiheit anzusehen und erste Betriebe zu beraten. Diese Expertise fließt eins zu eins in meine Arbeit für die Sunflower ein. Immer mehr Städte und große Freizeiteinrichtungen in NRW ziehen bereits nach und werden offizielle Sunflower-Mitglieder. Dieses Bewusstsein möchte ich nun nutzen, um auch den Kreis Mettmann und ganz besonders Langenfeld zu einer echten „Sunflower-City“ zu machen.
L’felder: Wie genau soll die Umsetzung in Langenfeld aussehen, und wer kann alles mitmachen?
Michael Töller: Rund 80 % aller Behinderungen sind auf den ersten Blick nicht sichtbar – dazu gehören Autismus, chronische Schmerzen, Demenz oder Seh- und Hörbeeinträchtigungen. Wer das Sunflower-Band trägt, signalisiert diskret: „Ich brauche vielleicht etwas mehr Zeit, Geduld oder Unterstützung.“ Mitmachen können alle: der Einzelhandel, Behörden, der ÖPNV und Freizeiteinrichtungen.
Eine ganz zentrale Rolle spielen für mich aber auch die lokalen Vereine. Sie stehen im direkten Kontakt mit den Menschen und können das Thema perfekt an ihre Mitglieder weitergeben. Um diese Brücke so einfach wie möglich zu bauen, ist die Sunflower-Mitgliedschaft für Vereine mit einer extrem günstigen Jahresgebühr verbunden.
L’felder: Gibt es neben dem Service für Kunden und Gäste noch andere Effekte, die Unternehmen bemerken, wenn sie bei der Initiative mitmachen?
Michael Töller: Ja, und das ist ein faszinierendes Phänomen, das wir auch bei uns intern im Team stark beobachten. Meistens führen Unternehmen die Sunflower für ihre Kunden, Gäste oder Besucher ein. Nach einiger Zeit bemerkt man aber einen wunderschönen Nebeneffekt: Es entsteht ein völlig neues, internes Bewusstsein im Team. Die Mitarbeiter entwickeln eine ganz andere Achtsamkeit, geben sich gegenseitig mehr Zeit und achten intensiver aufeinander. Das Miteinander rückt wieder in den Fokus. Die Sunflower verändert also nicht nur den Service nach außen, sondern stärkt spürbar die Kultur und das gegenseitige Verständnis innerhalb des eigenen Betriebs.
L’felder: Wo soll die Reise mit der Sunflower in den nächsten Monaten hingehen?
Michael Töller: Die Sonnenblume soll überall dort ganz normal werden, wo Menschen aufeinandertreffen. Wir stehen in Langenfeld in den Startlöchern und wollen ein starkes, lokales Netzwerk aufbauen – mit Vereinen, Unternehmen, dem Einzelhandel und allen, die Teilhabe wirklich leben wollen. Und dieses Netzwerk entsteht unabhängig davon, an welcher Stelle die einzelnen Partner mit an Bord kommen. Mein Ziel bleibt klar: Ich möchte, dass sich Betroffene hier im Alltag flächendeckend sicher, verstanden und willkommen fühlen.
Nachtrag: Michael Töller zur Entscheidung des Ausschusses (20. Juli 2026)
L’felder: Michael, der Ausschuss für Soziales und Ordnung hat einen offiziellen Beitritt der Stadt Langenfeld zur Sunflower abgelehnt. Nur die Grünen waren dafür. Wie ordnest du das ein?
Michael Töller: Natürlich hätte ich mir ein anderes Signal von der Stadt gewünscht. Aber ich sehe diese Entscheidung ausdrücklich nicht als Ende, sondern als Zwischenstand – und genau so ist sie mir auch vermittelt worden. Ich wurde von der Stadt eingeladen, dranzubleiben und das Thema in etwa einem Jahr noch einmal anzugehen. Diese offene Tür nehme ich gerne an.
Ich möchte an dieser Stelle auch ausdrücklich Danke sagen: Den Grünen, die sich klar für die Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen eingesetzt haben. Und ganz besonders Christian Benzrath, dem Ersten Beigeordneten der Stadt Langenfeld, der mir von Anfang an das Gefühl gegeben hat, dass er das Thema wirklich verstanden hat. Auch Mitglieder aus anderen Parteien haben mir Mut gemacht, dranzubleiben. Dieser Rückhalt über Parteigrenzen hinweg zeigt mir: Die Idee trägt. Eine Sunflower-City entsteht ohnehin nicht in erster Linie durch einen Ratsbeschluss, sondern durch die Menschen, Vereine und Betriebe vor Ort. Und genau da ist die Bewegung längst in Gang gekommen.
L’felder: Das heißt, die Sunflower kommt auch ohne die Stadt nach Langenfeld?
Michael Töller: Ganz genau. Die Sonnenblume gehört niemandem und braucht keine Erlaubnis von oben. Jeder Verein, jedes Geschäft, jedes Café und jede Freizeiteinrichtung kann ab sofort selbst Teil des Netzwerks werden – unabhängig davon, wie die Politik entscheidet. Wer das grüne Band kennt und erkennt, macht den Alltag für Betroffene sofort ein Stück leichter. Dafür braucht es keinen Haushaltsbeschluss, sondern Menschen, die mitmachen wollen. Und die gibt es in Langenfeld reichlich.
L’felder: Was ist dein Aufruf an die Langenfelderinnen und Langenfelder?
Michael Töller: Lasst uns zeigen, dass Inklusion in Langenfeld von unten wächst. Vereine, Einzelhändler und Unternehmen, die dabei sein wollen, dürfen sich jederzeit direkt bei uns melden – die Mitgliedschaft für Vereine ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Und ein perfekter Anlaufpunkt kommt schon bald direkt in der Nachbarschaft: Vom 23. bis 26. September sind wir gemeinsam mit „Freizeitpark Erlebnis“ mit einem eigenen Stand auf der RehaCare in Düsseldorf – der größten Hilfsmittelmesse der Welt. Die Messe liegt praktisch vor der Haustür, und wir erreichen dort viele Menschen aus Langenfeld und der ganzen Region. Wir stellen die Sunflower persönlich vor und geben die Sonnenblumen-Bänder kostenfrei aus. Jede Sonnenblume, die in Langenfeld getragen und erkannt wird, ist ein sichtbares Zeichen: Hier ist Platz für alle. Und ich bin überzeugt: Wenn die Bewegung erst einmal sichtbar ist, wird auch die Politik den Anschluss finden. Die Tür bleibt von unserer Seite jederzeit offen.
L’felder: Vielen Dank für deine Zeit, Michael.
Michael Töller: Sehr gerne. Und an alle, die das lesen: Macht mit. Es kostet so wenig und bedeutet so viel.

Michael Töller
Aktualisiert am 28. Juli 2026
